Vom Hero zum Hochsitz – ein Roadtrip zwischen Dachzeltromantik und Differentialöl
Vor jedem großen Abenteuer steht bekanntlich eine wichtige Erkenntnis: Man besitzt zu viel Zeug. So war es auch vor unserem geplanten Roadtrip Richtung Süden. Einige Dinge mussten weg, andere her. Besonders betroffen von dieser radikalen Neuordnung unseres Lebens war unser treuer Hero Camper. Sein Ende kam allerdings schneller als gedacht.
Freitagnachmittag. Kleinanzeige online gestellt. Eine Stunde später meldeten sich bereits drei ernsthafte Interessenten. Der Verkauf verlief schneller als der Absturz des deutschen Beitrags beim Eurovision Song Contest. Noch ehe wir sentimental werden konnten, war der Camper verschwunden und wir standen wieder da, wo viele Offroad-Fahrer irgendwann landen: beim Dachzelt. „Back to the Roots“ klingt romantisch. In Wahrheit bedeutet es vor allem, nachts senkrecht eine Leiter hochzuklettern, während man sich fragt, ob Kniegelenke eigentlich Verschleißteile sind. Wahrscheinlich wollte ich mir einfach beweisen, dass ich das noch kann.
Nun also: stolze Besitzer eines Vickywood TEAK 160. Bevor es damit allerdings ernsthaft nach Spanien gehen sollte, musste ein Härtetest her. Ziel: die Lüneburger Heide. Wettervorhersage: „halbwegs trocken“. Eine meteorologische Formulierung, die ungefähr so vertrauenserweckend ist wie „leichtes Ziehen“ beim Zahnarzt. Der Wildwood Campingplatz bei Bergen lag wunderschön mitten im Wald. Der Aufbau des Dachzelts funktionierte erstaunlich routiniert. Fast professionell. Wir fühlten uns wie erfahrene Overlander. Bis zur Nacht. Denn die Nacht war nicht kalt. Sie war „man überlegt kurz, ob Pinguine vielleicht doch Säugetiere sind“-kalt.
Das Lagerfeuer hatte ungefähr die Lebensdauer einer deutschen Sommerhit-Prognose und im Dachzelt entwickelte sich eine Atmosphäre wie in einer schlecht isolierten Tiefkühltruhe. Auch tagsüber zeigte das Thermometer keinerlei Ambitionen, sich in Richtung „angenehm“ zu bewegen. Mit diesen wertvollen Erkenntnissen – mehr Decken, weniger Optimismus – und einigen Modifikationen am Land Rover starteten wir wenige Tage später endlich Richtung Málaga.
Erster Stopp: Ingolstadt bei Freunden. Danach ging es weiter nach Ebenhausen zu einem Geburtstag. Zumindest theoretisch. Praktisch beschäftigte mich unser Land Rover mit einer neuen Freizeitaktivität: Werkstattsuche wegen eines vermeintlichen Ölverlustes an der Hinterachse. Leider fiel unsere Reise genau auf ein langes Wochenende. Der Feiertag am Donnerstag hatte sämtliche Werkstätten dazu motiviert, den Freitag kollektiv zum Brückentag zu erklären. Samstags war sowieso geschlossen. Deutschland zeigte sich erneut als Land der Dichter, Denker und Öffnungszeiten bis 12:00 Uhr (ausser Montags, denn da ist ganz zu)
Während Camilla sich zwischenzeitlich mit dem Zug nach Bremen aufmachte, fuhren Joiz und ich weiter nach Wolfratshausen auf den Campingplatz. Dort passierte das, was Roadtrips erst wirklich gut macht: Man trifft Menschen, die man ohne kaputtes Auto niemals kennengelernt hätte. Der Campingplatzbetreiber vermittelte uns an Andy. Landy-Fahrer. Hobbyschrauber. Vermutlich ein Mann, der Differentiale im Schlaf zerlegen kann. „Kommt einfach vorbei, Ersatzteile hab ich da.“ Sätze, die man in diesem Moment mehr liebt als jedes Wellnesshotel. Dank Andys Hilfe war das Problem schnell gefunden und innerhalb von zwei Stunden behoben. Der Land Rover verlor nun deutlich weniger Öl als zuvor, was bei alten Landys bereits als technischer Durchbruch gilt. Passenderweise hatten wir genau das richtige Wochenende erwischt. In Wolfratshausen fand die traditionelle Flößerprozession statt – ein Ereignis, das nur alle paar Jahre stattfindet. Der Ort war voller Menschen in Tracht, Blaskapellen beschallten jede Straße und nach dem Gottesdienst zog die Menge Richtung Loisach. Dort fand abends die große Parade der Flößer statt. Natürlich mit Blaskapelle auf dem Floß. Bayern macht eben keine halben Sachen. Die Temperaturen allerdings schon. Nachts knapp über dem Gefrierpunkt. Frühlingsgefühle wollten sich einfach nicht einstellen und wir beschlossen weiterzufahren.
Nächster Halt: Lindau am Bodensee.
Es regnete. Es war kalt. Die Motivation hatte sich irgendwo zwischen Bayern und Bodensee verabschiedet. Zum Glück gibt es Pulled Pork. Das Menü im Strandhaus rettete die Stimmung zumindest kurzfristig und erinnerte mich daran, warum Reisen und gutes Essen untrennbar zusammengehören. Am nächsten Morgen dann endlich ein Hoffnungsschimmer: trockenes Wetter. Noch kühl, aber immerhin bewegte sich die Temperatur langsam aus dem Bereich „arktische Forschungsstation“ heraus.
Ich verpackte das nasse Dachzelt, kämpfte mit der ebenso nassen Markise und machte mich auf den Weg nach Divonne-les-Bains bei Genf. Die Fahrt durch die Schweiz verlief exakt so, wie man sich die Schweiz vorstellt: entspannt, sauber, staufrei und selbst im Berufsverkehr noch besser organisiert als deutsche Behörden. Auf dem Huttopia Campingplatz angekommen warteten Sonne, Wald und ein traumhafter Stellplatz auf uns. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlte sich alles wirklich nach Süden an.
Lange bleiben wollten wir trotzdem nicht. Divonne-les-Bains war nur ein Zwischenstopp. Also ging es weiter nach Royat bei Clermont-Ferrand, wo wir erstmal zwei Tage blieben. Morgen fahren wir weiter zu unserem Freund Dan in der Nähe von Sarlat-la-Canéda.
Und danach?
Keine Ahnung. Aber genau das ist vermutlich der eigentliche Grund, warum man solche Reisen macht.
One Life. Live It!
