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Wie die Zeit vergeht. Seit dem letzten Reisebericht sind schon wieder fast drei Wochen vergangen. Drei Wochen voller neuer Eindrücke, großartiger Begegnungen, unzähliger Kilometer, viel Gelächter – und, zugegeben, einer durchaus respektablen Menge Wein. Camilla kam pünktlich in Málaga an und traf Joiz und mich auf unserem Campingplatz oberhalb der Stadt. „Campingplatz“ ist allerdings ein dehnbarer Begriff. Er bestand aus einer Handvoll staubiger Stellplätze, zwei Toiletten, zwei Waschbecken und einer Waschmaschine. Kein Restaurant, kein Pool, kein Schnickschnack – dafür wehte rund um die Uhr ein Wind der Stärke fünf bis sechs. Luxus sieht anders aus. Allerdings auch die Alternativen. Der Campingplatz in Torremolinos genießt in den Bewertungen ungefähr den Ruf eines Bahnhofskiosks um drei Uhr morgens und liegt so nah am Flughafen, dass man Starts und Landungen vermutlich auch mit geschlossenen Augen den jeweiligen Fluggesellschaften zuordnen könnte.
Also blieben wir, wo wir waren. Und ehrlich gesagt störte uns das überhaupt nicht.

Tagsüber schlenderten wir durch Málaga, genossen die Sonne, die mediterrane Leichtigkeit und arbeiteten uns mit großer Hingabe durch die Speisekarten der örtlichen Restaurants. Irgendjemand muss die spanische Gastronomie schließlich unterstützen. Während ich bereits Richtung Süden unterwegs gewesen war, hatte Camilla ihre Prüfung zum grünen Gürtel im Bogenschießen in Bremen, die ich leider verpasst habe. Dank Rodolfo konnte ich die Graduierung nun im Studio in Torremolinos gemeinsam mit spanischen Pa-Kua-Freunden nachholen. Ein besonderes Erlebnis. Nicht nur wegen der Prüfung, sondern weil man wieder einmal merkte, dass sich eine Gemeinschaft nicht über Ländergrenzen definiert. Das Wochenende stand anschließend ganz im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums unserer Kampfsportschule. Teilnehmer aus aller Welt kamen zusammen, trainierten gemeinsam, präsentierten ihr Können und feierten bis spät in den Abend. Egal aus welchem Land man kam – spätestens nach wenigen Minuten fühlte es sich an, als würde man sich seit Jahren kennen.
Nach den heißen Tagen in Málaga freuten wir uns auf etwas kühlere Temperaturen in Tarifa. Und tatsächlich wurden wir nicht enttäuscht. Sogar unser alter Stellplatz auf dem Camping Torre de la Peña war wieder frei – fast so, als hätte er auf uns gewartet. Fünf Tage lang passierte… fast nichts.

Und genau das machte sie so besonders.

Lesen. Strandspaziergänge. Gute Gespräche. Den Wind beobachten, der unermüdlich die Kitesurfer über das Wasser jagte. Manchmal sind die schönsten Urlaubstage genau die, an denen man hinterher kaum erzählen kann, was eigentlich passiert ist. Irgendwann mussten wir trotzdem weiter. Unser nächster Halt war der Camperstop Alegría in der Extremadura.
Der Name versprach Freude.
Die Temperaturen versprachen Hitzschlag.

Der Platz selbst war traumhaft. Hoch oben auf einem Berg gelegen bot er einen fantastischen Blick über die weite Landschaft der Extremadura. Hätten wir vorher gewusst, wie schön es dort ist, wären wir sicher länger geblieben. Leider wartete bereits der nächste gebuchte Campingplatz in Tordesillas auf uns. Bezahlt ist schließlich bezahlt.

Also weiter.

Auch Tordesillas empfing uns mit Temperaturen, bei denen selbst Eidechsen vermutlich über Klimaanlagen nachdenken. Glücklicherweise zeigte sich die Rezeption großzügig und spendierte uns einen schattigen Rasenplatz unter hohen Bäumen. Besser geht’s nicht, dachten wir. Bis wir das Restaurant entdeckten. Das Haus ist weit über die Region hinaus für seine Fleischgerichte bekannt. Vegetarier werden zwar nicht aktiv ausgeschlossen, dürften sich aber ungefähr so fühlen wie ein Eisverkäufer auf einer Grillmeisterschaft.
Wir hingegen genossen dort an zwei Abenden hintereinander vermutlich die besten Steaks der gesamten Reise. Die Stadt selbst ist durchaus sehenswert. Wobei der Blick vom Fluss deutlich mehr verspricht, als die Altstadt am Ende einlösen kann. Dann ging es schon wieder weiter ins Rioja-Gebiet nach Ábalos, wo wir Freunde aus Berlin trafen. Da Campingplätze Mangelware waren, gönnten wir uns nach vielen Wochen erstmals wieder ein Apartment. Es fühlte sich fast ein wenig fremd an, morgens aufzuwachen, ohne zuerst eine Leiter hinuntersteigen zu müssen. Der Höhepunkt des Aufenthalts war eine Führung auf dem Weingut El Puntido bei Laguardia mit anschließendem mehrgängigen Menü im hauseigenen Restaurant. Man könnte sagen, wir haben uns intensiv wissenschaftlich mit Rioja beschäftigt. Die mittelalterliche Altstadt von Laguardia ist wunderschön.
Leider gelten Hunde dort offenbar nicht als schützenswerte Kulturgüter. Also erkundeten wir den Ort getrennt. Während wir einzeln durch die Gassen schlenderten, machte es sich Joiz zunächst in einem Café und später an einem Aussichtspunkt gemütlich. Bei fast 40 Grad hatte er dafür unser vollstes Verständnis.

Die Hoffnung auf kühlere Nächte führte uns anschließend erneut in den Nationalpark Picos de Europa zum Campingplatz La Viorna. Ich  kannte den Platz bereits von der Hinfahrt und wir freuten uns auf angenehme Bergluft. Die Berge hatten allerdings andere Pläne. Auch hier blieb es drückend heiß und selbst nachts wollte das Thermometer kaum nachgeben. Trotzdem genossen wir die grandiose Aussicht auf die Gipfel und fragten uns einmal mehr, warum die schönsten Orte immer viel zu schnell vorbeiziehen.
Der nächste Stopp führte uns an den Atlantik nach Saint-Jean-de-Luz. Unterwegs machten wir noch einen strategisch wichtigen Zwischenhalt bei Decathlon.
Nicht für uns. Für Joiz. Die Hitze setzte ihm inzwischen sichtbar zu und längere Spaziergänge wurden zunehmend anstrengend. Also beschlossen wir, einen Bollerwagen zu kaufen.
Das „Joizmobil“ war geboren und der erste Einsatz ließ nicht lange auf sich warten. Vom Campingplatz bis ins Zentrum von Saint-Jean-de-Luz waren es rund dreieinhalb Kilometer. Bei fast 40 Grad fühlte sich jeder einzelne davon doppelt so lang an. Anfangs betrachtete Joiz sein neues Gefährt mit einer gewissen Skepsis doch schon nach wenigen Minuten erkannte er die Vorzüge motorloser Chauffeurdienste. Wir allerdings weniger denn die Strecke war alles andere als flach. Saint-Jean-de-Luz präsentierte sich lebhaft, voller Urlauber und angenehm französisch. Nach ein paar kalten Getränken machten wir uns wieder auf den Rückweg und erreichten den Campingplatz schweißgebadet und vollkommen erschöpft. Dort erwartete uns bereits die nächste Überraschung. Eine Unwetterwarnung. Uns wurde geraten, die Markise abzubauen und alles sturmsicher zu verstauen.
Kaum hatten wir das erledigt, entschied sich das angekündigte Unwetter großzügig, einen Bogen um unseren Campingplatz zu machen. Typisch. Immerhin verschaffte uns das einen entspannten Abend an der Strandbar, an der wir nette neue Bekanntschaften schlossen. Inzwischen sind wir weiter nördlich angekommen. Eigentlich wollten wir nach Arcachon. Eigentlich. Doch einen freien Campingplatz zu finden, erwies sich dort als ähnlich realistisch wie einen schattigen Parkplatz in Sevilla zu finden. Also landeten wir am Lac de Carcans – Frankreichs größtem natürlichen Süßwassersee, nur wenige Kilometer vom Atlantik entfernt. Und ganz ehrlich? Wir hätten es deutlich schlechter treffen können.
Das Wetter ist traumhaft. Die Austern sind überraschend günstig. Der Médoc ist angenehm gekühlt.

Und irgendwo zwischen See, Atlantik und einem guten Glas Wein wird einem wieder bewusst, warum man solche Reisen überhaupt macht.

One Life. Live It.

One comment on “Bollerwagen, Berge und Bordeaux

  1. Astrid sagt:

    Peter, ich liebe es, deine Reiseberichte zu lesen!! Ihr seid wieder gut herum gekommen. Wie schön, dass ihr trotz hoher Temperaturen viel erlebt habt. Vor allem freut es mich, dass ihr eine gute Transportlösung für Joyz gefundene Habt noch ein paar schöne Tage!🥰

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