Ameisen, Abenteuer und andere Katastrophen – unterwegs Richtung Spanien
Royat war schon mal ein guter Anfang. Zumindest temperaturtechnisch.
Zum ersten Mal auf dieser Reise musste man nachts nicht überlegen, ob das Dachzelt vielleicht auch als Kryokammer geeignet wäre. Der Campingplatz war angenehm leer und unser Stellplatz lag malerisch ganz oben auf dem Berg. Wunderschöne Aussicht, herrliche Ruhe – und maximal weit entfernt von Bar und Restaurant.
Das hielt zumindest mich fit.
Joiz dagegen hatte beschlossen, sich dem französischen Lebensstil vollständig anzupassen und bevorzugte es, konsequent eine ruhige Kugel zu schieben. Während ich also mehrmals täglich den Berg hoch und runter marschierte, perfektionierte er die Kunst des entspannten Herumliegens.
Doch obwohl der Platz kaum besucht war, waren wir keineswegs allein.
Millionen Ameisen hatten offenbar beschlossen, uns persönlich willkommen zu heißen.
Sie waren überall. Im Auto. Im Dachzelt. In Taschen. Zwischen Kleidung. Nachts marschierten sie seelenruhig über Arme und Beine, während ich bewegungslos dalag und mich fragte, ob das hier noch Camping oder bereits ein biologisches Forschungsprojekt war.
Es gab nur eine vernünftige Lösung: Flucht.
Also schnell zusammenpacken und weiter nach Payrac zu unserem Freund Dan. Die Hoffnung: irgendwo unterwegs Anti-Ameisen-Mittel auftreiben und den kleinen Invasoren endlich den Krieg erklären.
Die Strecke von Royat nach Payrac machte die nächtlichen Krabbelattacken allerdings fast wieder wett. Kleine kurvenreiche Straßen schlängelten sich durch dichte Wälder und spektakuläre Schluchten. Eine dieser Gegenden, in denen man alle paar Kilometer denkt: „Hier müsste man eigentlich anhalten.“
Der Zustand unserer Windschutzscheibe sprach außerdem eindeutig dafür, dass die Biodiversität in dieser Ecke von Frankreich noch hervorragend funktioniert.
Tankstellen hingegen funktionieren am Wochenende eher eingeschränkt.
Viele sind unbesetzt, die Automaten akzeptieren weder Bargeld noch ausländische Kreditkarten und man entwickelt relativ schnell eine emotionale Bindung zur Tanknadel. Erst die vierte Tankstelle akzeptierte schließlich meine EC-Karte. Genug Diesel, um weiterzukommen. Mehr wollte ich gar nicht.
In Payrac wurden wir herzlich von Dan und Acadio empfangen.
Acadio ist ein 25 Jahre alter Kater und bewegt sich mit der souveränen Gelassenheit eines Wesens, das wahrscheinlich schon mehrere französische Regierungen überlebt hat.
Wir haben Dan und Francesco bereits im Winter 2018 auf Kreta kennengelernt. Damals betrieben die beiden ein Boutique-Hotel in Sarlat-la-Canéda. 2021 verkauften sie das Hotel und verliebten sich stattdessen in ein herrschaftliches Landhaus in Payrac, das sie seitdem mit beeindruckender Geduld und vermutlich ebenso beeindruckenden Rechnungen renovieren.
Wie fast alle großen Bauprojekte entwickelte sich auch dieses zu einer Mischung aus Zeitreise, Kostenexplosion und therapeutischer Herausforderung. Fertig ist es bis heute nicht.
Aber dafür gibt es einen riesigen Garten – perfekt zum Campen.
Mit Dan ging es zunächst direkt in den Baumarkt, bewaffnet mit dem klaren Ziel, chemische Vergeltung gegen unsere sechsbeinigen Mitfahrer zu organisieren. Nach mehreren Angriffswellen und diversen taktischen Maßnahmen ließ sich die Ameisenpopulation tatsächlich deutlich reduzieren. Ein vollständiger Sieg war es vermutlich nicht, aber zumindest ein Waffenstillstand.
Da man Gastfreundschaft nicht unbegrenzt strapazieren sollte, zogen wir nach zwei Tagen weiter Richtung Atlantikküste auf den Huttopia Campingplatz Landes Sud, etwa 60 Kilometer nördlich von Biarritz.
Natürlich hatte ich unterwegs vergessen, ein Baguette zu kaufen.
Ein Fehler, der in Frankreich ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie ohne Bier aufs Oktoberfest zu gehen. Zum Glück gab es – ganz Huttopia-like – am Wochenende Pizza. Nach zwei Gläsern Rosé, einer Pizza Gourmand und deutlich verbesserter Stimmung endete schließlich der zwölfte Tag unseres Roadtrips.
Bis hierhin haben wir bereits rund 2.200 Kilometer zurückgelegt. Mindestens 1.600 weitere liegen bis zu unserem gesetzten Ziel noch vor uns.
Morgen geht es weiter Richtung Santander und von dort hinein ins Picos de Europa Kalksteinmassiv. Wahrscheinlich jedenfalls.
Aber Roadtrips leben bekanntlich davon, dass Pläne hauptsächlich dekorativen Charakter haben.
One Life. Live It!
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